ANDREAS SELTZER
Kilroy was here
- Eine Geschichte von Phantomen -

Ausstellungsdauer: 30. August - 20. September 2008

- Fotografien aus: "Der Sendermann" 1972 - 1975
- Text aus: Volksfoto – Zeitung für Fotografie, Nr. 4, 1978, von Andreas Seltzer
- Ausstellungsansichten / installation view

Presserezension:
- TIP 19.2008 (v. Katrin Bettina Müller)


Inmitten der Inschriften des World War II. - Memorials in Washington, D.C. nimmt sich die Gravur eines eierköpfigen, langnasigen Wesens, das sich an einer Wand hochzieht und den Betrachter anblickt, rätselhaft aus. Auch die drei Worte, die neben es plaziert sind, können das Rätsel nicht lösen: Kilroy was here. Wer oder was ist Kilroy? Man weiss es nicht genau. Man nimmt an, dass die Figurenzeichnung als Protest gegen die, keinen Schutz vor fremden Blicken bietenden, amerikanischen Militäraborte im ersten Weltkrieg entstanden ist (“Schmoe is watching you“) und später kombiniert wurde mit dem Satz des Schiffsinspektors James J. Kilroy, der die Prüfung von Reparaturarbeiten mit dem Schriftzug „Kilroy was here“ absegnete.
Während des 2. Weltkriegs und in den Jahrzehnten danach wuchs diese Kombination zu einem universalen Signet, das als Kundschafter im Unbekannten an Brücken, Zäunen, Wänden, Bäumen, Denkmalen und touristischen Sehenswürdigkeiten angebracht wurde. Dass es vital geblieben ist mag an seiner tröstenden wie auch desillusionierenden Botschaft liegen. Dem, der es sieht, sagt es: Du bist nicht allein. Aber es gibt ihm auch zu verstehen: Du kannst machen was du willst, vor dir ist schon immer jemand gewesen.

Andreas Seltzers Ausstellung nimmt dies Signet zum Ausgangspunkt einer visuellen Exkursion, mit der die suggestive Kraft solcher anonymer Setzungen dargestellt wird. Etwa mit der Foto-Recherche über den Sendermann der in den siebziger Jahren mit seinen paranoiden Botschaften die Innenbezirke von Westberlin überzog und immer wieder vor einem allmächtigen Überwachungssystem warnte.
Die Arbeit über den Sendermann bildet hier den Anfang einer Genealogie oft zwanghafter, aber stets öffentlich gemachter Appelle, die sich mittels Zetteln, Plakaten und diversen Inschriften Luft machen. Beispielsweise mit den Datierungen, die ein Mann, der sich Daddy Langbein nannte, an immer dieselbe Hausecke schrieb, oder mit der strahlenumkränzten Frage, die in den vergangenen Monaten auf Plakatwänden zu lesen war: Warum muss der Sohn betteln?

Die Phantombildung bedient sich hier noch der privaten Maskierung, um öffentlich wirksam zu sein. Dort, wo sie sich aus administrativ eingeleiteten Suchbewegungen entwickelt, erhält sie klarere Kontur. Das können die Täterkarteikarten aus amerikanischen Polizeirevieren zeigen; aber auch jenes Kartenspiel, mit dessen Hilfe noch Angehörige des Machtapparats von Saddam Hussein gesucht werden („Iraks Most Wanted“) oder die Karteiportraits vermisster deutscher Soldaten, die der Suchdienst des Roten Kreuzes angefertigt hat.

Wo das Suchen nur über individuelle, eingeschränkte Mittel verfügt, kleidet es sich mitunter in Anrufungen und Fürbitten, die auch Formen des Gebets und der Opferzeremonien nutzen. Am Beispiel eines Voodoo-Rituals, das vor einiger Zeit im Grunewald stattfand, wird gezeigt, wie man „Wünsche beim Schwanz packt“ (P. Picasso). Wie risikoreich das sein kann, führen die Fotos von N. B. vor, der, von den Phantomen seiner Begierde verfolgt, das Himmelreich unter den Röcken der Frauen zu sehen erhoffte - und, bis zu seiner Verhaftung, mit einer Spezialkamera Aufnahmen von Passantinnen aus der Froschperspektive machte.

Tragen solche Wünsche noch irdische Züge, dann zielen sie in den Fotos und Objekten aus spiritistischen Sitzungen eindeutig aufs Jenseits, wo Phantom und Phantasma sich am nächsten sind, und Trugbilder erzeugen, die, kaum entstanden, schon wieder zerfallen.


Vortrag:

Andreas Seltzer - Phantome der Auflösung -
Fotosequenzen in Michelangelo Antonioni´s Film Blow Up
v. 19.09.2008
(Download Vortrag als *.pdf)